Wichtigstes Merkmal der Pflanzenwelt auf den
maledivischen Inseln ist die unglaubliche Artenarmut und das dadurch
labile Gleichgewicht. Von den auf den Malediven heute gezählten
600 Pflanzenarten dürfte es nur etwa 100 bis 150 geben, die
sich ohne jede menschliche Unterstützung behaupten konnten.
Die übrigen 450 bis 500 Arten wurden im Laufe der Jahrtausende
zu Kultur-, später auch zu Zierzwecken importiert und gepflegt,
so daß sie von den einheimischen Arten nicht verdrängt
werden konnten. Am weitesten verbreitet sind Kokospalmen und Pandanus
(Schraubenbaumgewächse).Beide Baumarten können auf den
Inseln gut gedeihen, da sie flache Wurzeln ausbilden - tief nach
unten ragende Wurzeln würden sehr schnell auf Salzwasser
stoßen, das die Pflanzen bald vernichten würde. Auch
der Banyan-Baum (Würfelfeige) kann sich behaupten, denn er
nährt sich über seine flach wurzelnden Wirtspflanzen,
Pandanusgewächse oder Sträucher.
Von entscheidender Bedeutung für das Entstehen und den Erhalt
einer Insel aber sind flache im Uferbereich wachsende Gräser,
die sogenannten Pionierpflanzen. Sie siedeln sich zuerst auf einer
Sandbank an und befestigen den Uferbereich mit ihrem dichten Wurzelwerk.
Erst wenn diese über lange Zeit gehalten wird und dadurch
stabilisiert ist, können sich dahinter Hecken und Büsche
ansiedeln und den Boden nochmals festigen. Im Laufe von Jahrtausenden
sorgen sie dann für eine dünne Humusschicht, in der
sich salzfreies Regenwasser ansammelt. Hier, etwa 1 m über
der Hochwasserlinie, entsteht schließlich ein dichter Wald
aus Schraubenpinien, Kokospalmen, Würgefeigen,
Mandelbäumen
und vielen anderen Gewächsen. Je unberührter die Insel
bleibt, desto leichter und dichter werden die Pflanzen den für
sie günstigsten Lebensraum besiedeln und damit gleichzeitig
festigen. Dies wiederum sorgt dafür, daß auch starke
Stürme und Fluten die Inseln nur schwer erodieren können.
Sobald aber eine der Pflanzengruppen geschwächt wird, schwächt
das auch ihren Nachbarn: Wenn beispielsweise am Strand der Hotelinsel
das Ufergras, die sich über den Sand ausbreitenden Pflanzen
oder auch nur herabfallende Blätter entfernt werden, schwämmen
schon kleine Fluten Sand und Erde zwischen den Wurzeln der Kokospalmen
aus. Diese beginnen sich zu neigen und fallen schließlich
ins Meer.
So wird die Sehnsucht der Touristen nach strahlend
weißen Stränden zur Ursache der Erosion und der Zerstörung
des Paradieses. Wer Verantwortung spürt und sich wünscht,
daß auch die eigenen Kinder noch an weißen (und grünen)
unverbauten Sandstränden baden können, sollte Hotelinseln
bevorzugen, auf denen die Ufervegetation unangetastet geblieben
ist und Bungalows mindestens 30m vom Strand entfernt stehen. Dann
ist zwar der Blick auf das blaue Meer von Schraubenpinien und
Kokospalmen verstellt (eigentlich verschönert), dafür
hat die Insel aber die Chance, auch in 20 Jahren noch ein intaktes,
von der Erosion verschont gebliebenes Ökosystem zu sein